Buzzn-Macher Justus Schütze: "Eine Strom-Community braucht keinen Versorger mehr" (Foto: Maximilian Gaub)

Buzzn-Macher Justus Schütze vor seinem Elektro-Auto: "People Power!" (Foto: Maximilian Gaub)

Buzzn.net-Macher Justus Schütze“Die wahre Energiewende heißt Social Energy”

Justus Schütze hat mit seinem Kollegen Danusch Mahmoudi die Plattform buzzn.net gegründet, auf der Menschen selbst produzierten Strom teilen. Im Gespräch verrät er, wie das funktioniert.

Eure Ausgangsfrage war: „Warum kaufe ich keinen Strom von meinem Nachbarn, wenn dessen Sonnenstromanlage mehr produziert als er benötigt?“. Wie funktioniert das? Durch buzzn bleibt zwar physikalisch alles beim Alten: private Betreiber von Mini-Kraftwerken speisen ihren überschüssigen Strom in das allgemeine Stromnetz ein. Aber der Cashflow ändert sich. Als Käufer dieses Stroms fließt das Geld via buzzn auf kurzem Weg zum Nachbarn – und nicht durch die Hände von Großhändlern und Netzbetreibern. Das reduziert die Bürokratie und erhöht die Transparenz. Unsere Erfahrung: 90 Prozent aller Stromabrechnungen sind falsch oder nicht nachvollziehbar. Im alten System fehlt der Servicegedanke und der Spirit, dass die Energiewende eine Gemeinschaftsaufgabe ist.

Ein Spirit, den ihr durch Eure Energy-Community erreichen wollt? Genau. Bei buzzn fließen Geld und Strom so direkt wie bei keinem der herkömmlichen Lieferanten, zudem bekommen unsere Stromgeber im Schnitt einen Cent mehr pro Kilowattstunde an Einspeisevergütung. So wird eine Solaranlage oder ein Blockheizkraftwerk schneller abbezahlt. Außerdem weiß ich als Stromgeber nun besser, welcher Mensch mich finanziert. Obwohl unsere Stromnehmer mit 26,50 Cent pro Kilowattstunde bereits einen wettbewerbsfähigen Bezugspreis bezahlen, ist darin immer noch Platz für den Extra-Cent, weil wir bei buzzn sehr effizient arbeiten.

Aktuell arbeitet ihr an der Visualisierung eurer Community, bald soll jedes Mitglied ein Profil erhalten. Jeder soll zudem live sehen können, wer wie viel Strom gibt oder nimmt. Die Industrie hat eine Vision zur Energiewende: Erneuerbare Energien auf dem Meer oder in der Wüste erzeugen und zum passiven Verbraucher schicken – auf der Stromautobahn, auf der unterwegs viel Strom verloren geht. Wir sehen das anders: Die Energiewende heißt Social Energy. Die Energieproduktion wird demokratisiert, auf die Crowd umgelegt. Mehr und mehr Menschen werden zu Prosumenten, also Produzenten und Konsumenten. Strom wird dann lokal hergestellt und verbraucht. Davon soll sich jeder selbst auf unserer Seite überzeugen können.

Wie das im Kleinen funktioniert, zeigt auch euer „Minipool“: Energy-Communities in Mehrfamilienhäusern. Wie verändert so ein Stromteilen eine Hausgemeinschaft? Die Teilnehmer lernen: Wie muss ich mein Verhalten ändern, damit das Haus möglichst stromautark wird, kein Strom von außen zugeführt werden muss? Also bei starkem Sonnenschein Geräte aufladen, Wäsche waschen, Geschirr spülen. Und bei schlechtem Wetter eben sparen. Das Streben nach Autarkie und Freiheit vom Fremdbezug stärkt den Zusammenhalt.

Plattform Buzzn.net: Einige Hundert Prosumenten gibt es Deutschland bereits. Wo genau? Klickt auf den Screenshot.

Plattform Buzzn.net: Einige Hundert Prosumenten gibt es Deutschland bereits. Wo genau, verrät die Übersichtskarte. (Screenshot: buzzn.net)

Welche Rolle spielt dieser freiheitliche Gedanke? Es hat eine politische Dimension. Die Energiewirtschaft hat über Jahrzehnte ein hierarchisches System aufgebaut, in dem der Letztverbraucher möglichst viel verbrauchen soll. Weil jede verkaufte Kilowattstunde Profit bringt. Es ist ein überaltertes Geschäftsmodell, das auf möglichst viel Konsum hinausläuft. Wir sind aber nun in einer neuen Zeit, in der es zunehmend mehr Menschen gibt, die nicht mehr nur stumpf verbrauchen wollen. Und die benötigen keine Versorger mehr. Sondern eine transparent vernetzte Community.

Aktuell geben und nehmen bei euch bundesweit ein paar Hundert Menschen Strom. Ein Stromgeber erzeugt im Schnitt 15.000 Kilowattstunden pro Jahr, versorgt so rund vier Haushalte. Ist das Stromteilen ein Modell für die ferne Zukunft? Das Gros der deutschen Stromerzeugungskapazitäten liegt heute noch in den Händen von wenigen Stromkonzernen. Dieses Oligopol wurde zwar ein schon bisschen durch die Erneuerbare-Energien-Landschaft aufgebrochen. Aber neun von zehn Häusern haben immer noch keine Solaranlagen auf dem Dach oder ein Blockheizkraftwerk im Keller. Bei 18 Millionen Gebäuden in Deutschland ist das ein Riesenpotenzial für ein neues, wahrhaft dezentrales Energiesystem. Unsere Häuser sind die Kraftwerke der Zukunft. Und deren Communities werden die stromerzeugende Industrie in naher Zukunft weitgehend ersetzen.

     

5 Gedanken zu „“Die wahre Energiewende heißt Social Energy”

  1. mmakar

    Rang: Star-Co-Worker

    Dass da noch nicht früher jemand drauf gekommen ist! Wirklich wiklich sinnvolle Idee, aber ob es sich wirklich so entwickelt wie Schütze es prognostiziert bleibt abzuwarten…
    Alle die sich für das Thema interessieren, finden das hier wahrschienlich auch eine interessante Sache (Bürger in Berlin kaufen ein Stromnetz): http://www.buerger-energie-berlin.de/

  2. Maximilian Gaub Artikelautor

    Rang: Author

    Lieber Mmakar,

    vielen Dank für diesen Kommentar. Wen das Thema interessiert: 2014 läuft der Konzessionsvertrag für das Berliner Stromnetz aus. Die Berliner haben somit die Chance, gemeinsam ihr Stromnetz in die Hand zu nehmen. Siehe auch: http://youtu.be/CGqZiB6QDdg

Hinterlasse eine Antwort