Branche: Mobility, News
Messestand autonetzer.de: "Wir sind die Gegenwart" (Foto: Lena Klippel)

Messestand autonetzer.de: "Wir sind die Gegenwart" (Foto: Lena Klippel)

Messe iMobility StuttgartCar Sharing verdrängt PS-Platzhirsche

Bislang protzten auf Automessen Aussteller mit Chrom, PS und Stahl. Dieses Jahr stelle ich fest: Car Sharing erobert die letzte Festung des traditionellen Automarkts.

Es hat sich jemand eingeschlichen in die Welt aus Chrom, PS und Stahl. Bei meinem Besuch der Automesse „iMobility“ in Stuttgart entdecke ich sie, als ich vorbei schlendere an den Ständen von BMW und Daimler. An Elektro-Sportwagen, Anzugträgern und Hostessen in Stöckelschuhen, die von einem schmerzenden Fuß auf den anderen treten. Da steht sie an einem winzigen Stand: eine junge Frau im T-Shirt. Jelena Berger vertritt Autonetzer.de, eine Plattform für Menschen, die ihr Auto mit anderen teilen wollen.

Car Sharing Entwicklung in Deutschland (1997 bis 2013): Es geht steil bergauf

Carsharing-Trend: Verdopplung der Autos in den letzten von 2010 bis 2012 (Quelle: Bundesverband für Carsharing(

Carsharing-Trend: Fast eine Verdopplung der Autos im letzten Jahr (Quelle: Bundesverband für Carsharing)

Car Sharing erobert jetzt auch die letzte Festung des traditionellen Automarkts: Die Messe. Eigentlich kommen die Besucher zu solchen Ausstellungen, weil sie Wunder der Technik bestaunen wollen. Das Auto als Traumobjekt und Statussymbol. Ich schmunzle über zwei junge Männer, die sich gegenseitig vor einem futuristischen BMW mit Flügeltüren fotografieren. „Geil, Alter“, ruft der eine. Die Hersteller bauen endlich Elektroautos, die schnell fahren können und toll aussehen. Das ist aber nur eine mögliche Art von intelligenter Mobilität, die die Zeitschrift „Auto, Motor, Sport“ zum Thema der Messe gemacht hat.

Car Sharing-Anbieter Autonetzer: “Wir sind die Gegenwart”

„Solche Autos, die da drüben stehen, schaut sich natürlich jeder gern an“, sagt Jelena Berger. „Das ist die Zukunft. Wir aber sind die Gegenwart.“ Und die Gegenwart sieht ziemlich unauffällig aus: Vor dem Autonetzer-Stand parkt ein Audi A1, klein, grau. Ein ganz normales Auto. „Es gehört meinem Chef“, sagt Jelena Berger. „Wir haben es hier aufgestellt, damit es nicht so leer aussieht.“ Beim Car-Sharing geht es um eine Idee, nicht um das Fahrzeug an sich. „Wir nutzen Ressourcen, die schon vorhanden sind, anstatt einen neuen Fuhrpark aufzubauen“, sagt Berger.

Jelena Berger von Autonetzer.de

Jelena Berger von Autonetzer.de: “Nutzen Ressourcen, die schon vorhanden sind” (Foto: Lena Klippel)

Der Chef von Jelena Berger macht selbst bei Autonetzer mit: Er verleiht sein Auto an andere Nutzer, die es nur ab und zu brauchen und sich dafür kein eigenes kaufen wollen.
Immer mehr Menschen interessieren sich für das Konzept, auch auf Messen wie der „iMobility“. Die Besucher seien oft noch skeptisch, sagt Berger. Sie hätten Angst davor, ihr privates Auto zu verleihen. „Der Fahrzeugbesitzer ist aber über uns versichert.“

Oberbürgermeister Fritz Kuhn: posieren für die Autolobby

Carsharing ist gut für die Umwelt, schont den Vorrat an Rohstoffen und es ist gerecht. Eigentlich das perfekte Thema für Stuttgarts ersten grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, denke ich. Er macht zur Eröffnung einen Rundgang über die Messe. Doch Kuhn widmet seine Aufmerksamkeit hauptsächlich den großen Herstellern. Er inspiziert die neuen Modelle von VW, Daimler und BMW.

Stuttgarts OB Fritz Kuhn: Auf dieser Messe interessiert ihn Carsharing nicht. Noch nicht. (Foto: Messe Stuttgart)

Stuttgarts OB Fritz Kuhn: Auf dieser Messe interessiert ihn Carsharing nicht. Noch nicht. (Foto: Messe Stuttgart)

Jedes Mal, wenn er in einem der Flitzer Platz nimmt, hageln die Blitzlichter der Fotografen auf ihn nieder. Stuttgart ist eben doch die Autostadt schlechthin. Dem kann sich auch ein Grüner nicht verweigern, dessen Gegner schon vor seiner Wahl unkten, dass ein Öko-Mann nicht für das OB-Amt tauge.

Car Sharing-Anbieter Stadtmobil.de: “Zum ersten Mal dabei”

Etwas abseits vom Trubel wartet Edgar Augel vom regionalen Carsharing-Anbieter Stadtmobil. auf Besucher. Er nimmt zum ersten Mal als Aussteller an einer Automesse teil. „Wir gehen normalerweise nicht auf solche Ausstellungen. Die Besucher kommen hierher, weil sie sich ein eigenes Auto kaufen wollen“, sagt er. Nun ist er doch da, denn die Autobranche kann die Entwicklung nicht leugnen: Die Zahl der Carsharing-Nutzer in Deutschland hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr fast verdoppelt: 435.000 Autofahrer machen laut dem Bundesverband für Carsharing (Focus Money: die besten Car-Sharing-Anbieter im Test) schon mit.

Edgar Augel von Stadtmobil: "Eigentlich gehen wirnicht auf Automessen." (Foto: Sabrina Hoffmann)

Edgar Augel von Stadtmobil: “Eigentlich gehen wirnicht auf Automessen.” (Foto: Lena Klippel)

Eitelkeiten? Nein, danke.

Auf der iMobility müssen die Anbieter noch kämpfen, um zwischen den Messeprofis nicht unterzugehen. BMW protzt mit Fotowänden und Riesenlogo, das Logo von Daimler ist noch ein bißchen größer. Und der VW-Stand erinnert mich mit seinen weißen Loungemöbeln an die Lobby eines Designhotels. Aber Rivalitäten und Platzhirsch-Gehabe liegen den Carsharing-Pionieren fern – diese Erkenntnis nehme ich von meinem Messe-Besuch mit. Edgar Augel spricht nicht nur von seinem eigenen Verein, sondern von allen Anbietern. Er wirft Folien an die Wand, auf denen auch die Logos der Konkurrenten zu sehen sind: Flinkster, Car2go, DriveNow. „Es ist unser Anliegen Carsharing allgemein bekannt zu machen“, erklärt er mir später. Eitelkeiten sind da wohl überflüssig.

Zum Abschied schaue ich noch einmal zurück auf all die Anzugträger, Hostessen, Autos mit Flügeltüren. Und auf Jelena Berger, die immer noch vor ihrem kleinen Stand wartet. Wie wird es hier in ein paar Jahrzehnten aussehen? Werden junge Leute für Fotos wieder vor den Ausstellungsmodellen posieren – aber nicht weil sie darin ihr Traumauto sehen, sondern ein Museumsstück? Vor nicht allzu langer Zeit war das eigene Auto für die Jugend ein Symbol für Freiheit. Ich bin sicher: Bald bedeutet Freiheit, kein eigenes Auto mehr besitzen zu müssen.

     

4 Gedanken zu „Car Sharing verdrängt PS-Platzhirsche

  1. Derndinger

    Rang: Share-Superstar

    Also ich habe letzte Woche mein Auto an einen Freund verliehen. Leider hat er beim Aussteigen die Tür gegen eine Poller gerammt.
    Ich fand es gut, dass er mir das gleich als erstes gebeichtet hat. Eigentlich müsste das auch seine Haftpflichtversicherung zahlen, aber trotzdem muss ich halt jetzt wieder in die Werkstatt. Besonders doof, die Tür wurde vor 8 Wochen erst neu lackiert.

    Meine Eltern haben immer gesagt, man sollte sein Auto nicht verleihen. Haben Sie recht gehabt? wie seht Ihr das?

    Wünsche Euch allen einen schönen Tag, Julia

    1. Sabrina Hoffmann Artikelautor

      Rang: Co-Worker

      Ja, das ist so eine Sache mit dem Verleihen. Besonders unter Freunden heikel, denn wenn es um Geld geht, gibt es schnell Streit. Natürlich ist es besonderes Pech, wenn gleich was kaputt geht. Aber ist das nicht immer so?
      Bei den Carsharing-Plattformen ist das Auto zum Glück versichert. Man sollte das unbedingt vorher abklären.

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