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Regisseur und Crowdfunder Spike Lee: 737 679 Dollar für einen Mann mit 40 Millionen Dollar. (Foto: thomas.rome /flickr)

Regisseur und Crowdfunder Spike Lee: 737 679 Dollar für einen Mann mit 40 Millionen Dollar. (Foto: thomas.rome /flickr)

Crowdfunding und MoralDarf ein reicher Regisseur seine Fans um Geld bitten?

Spike Lee sammelt für einen Vampirfilm, Dieter Hildebrand für ein Internet-Fernseh-Projekt: Zerstören wohlhabende Promis den sozialen Sinn des Crowdfundings? Ja und nein.

Es ging um die Freiheit der Fantasie, als ein junger Mann seinem Mitbewohner in der Küche von einer Idee erzählte. Die Küche stand in New Orleans, der Mann war Perry Chen und aus der Idee entwickelte sich die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Kreative Menschen können dort Geld für Träume sammeln, die sonst nicht wahr werden würden. Für die Einfälle und Pläne, die in Kindertagen nur so sprudeln. Und später von der Wirklichkeit zerschmettert werden. So stellte sich Chen das vor.

Doch mittlerweile haben auch Branchenprofis Crowdfunding als Geschäftsmodell entdeckt. Das ist moralisch zumindest fraglich: Darf zum Beispiel ein schwerreicher Hollywood-Regisseur seine Fans um Geld für den nächsten Film bitten? Medien und User diskutieren in den USA gerade über die Kampagne von Filmemacher Spike Lee („Malcom X“, „Inside Man“). Er will auf Kickstarter 1,25 Millionen Dollar für sein neues Projekt sammeln.

Die Kampagne trägt den Titel „Der neueste, heißeste Spike-Lee-Streifen“. Inhalt? Irgendwas mit Vampiren – Details unerheblich, so scheint es. 737 679 Dollar haben Fans schon gespendet. Das Projekt läuft noch zwei Wochen. Lees privates Vermögen wird auf mehr als 40 Millionen Dollar geschätzt. Er verteidigt sich: „Ich mache Leute auf Kickstarter aufmerksam, die noch nie etwas davon gehört haben.“

Schauspieler Zach Braff ( „Scrubs“, „Garden State“) hat über die Plattform mehr als drei Millionen Dollar für sein neues Filmprojekt gesammelt. Auch Colin Hanks, der Sohn von Tom Hanks, konnte erfolgreich eine Dokumentation finanzieren. Seit kurzem versucht sich Nick Carter von den Backstreet Boys als Crowdfunder. Der Sänger will einen Horrorfilm drehen. „Meine Fans bekommen einen Zugang zu meiner Arbeit, den ich ihnen sonst nicht bieten könnte“, erklärt er im Kampagnenvideo. Dabei gestikuliert er so engagiert, dass es wirkt, als müsse er sich selbst von seinen Argumenten überzeugen. Seine großen Augen flehen wie einst auf den Bravo-Postern. Mit Erfolg: Die angestrebten 85 000 Dollar hat er schon fast zusammen.

Facebookseite Keep Celebs Off Kickstarter: "Liebe Promis, ihr braucht unser Geld nicht."

Facebookseite Keep Celebs Off Kickstarter: “Liebe Promis, ihr braucht unser Geld nicht.”

Gegenwind auf Facebook: Haltet Promis von Kickstarter fern!

Über die mächtige Konkurrenz schimpfen inzwischen Journalisten (Jazmine Woodberry auf policymic.com) und Kreative. „Die meisten Leute bei Kickstarter kämpfen darum, ihren ersten Film zu machen, nicht ihren 30.“, sagt der Independent-Regisseur Sheldon Candis. Bei Facebook gibt es eine frisch gegründete englische Seite mit den Namen „Haltet Promis von Kickstarter fern“. Einige prominente Bittsteller argumentieren, sie wollten ihre kreative Freiheit nicht an ein Studio abtreten. Das überzeugt den Medienpädagogen André Westphal nicht. Er wettert: „Zach Braff gibt sich quasi als authentischer Indie-Regisseur aus, während er keine Hemmungen hat, als Geschäftsmann seine Fanbasis finanziell ordentlich abzuschöpfen.“

Auch in Deutschland werben immer öfter Branchengrößen um das Geld der Community. Kabarettist Dieter Hildebrandt trat in den letzten Jahren häufig in ARD und ZDF auf, jetzt engagiert er sich für das Internet-Fernseh-Projekt störsender.tv. Mit seiner Hilfe brachte die Kampagne 153 234 Euro ein. Und der Leiter des Bereichs Social Media/Innovation der Süddeutschen Zeitung Dirk von Gehlen stellt sich bei der deutschen Crowdfunding-Plattform Startnext prominent als SZ-Redakteur und Suhrkamp-Autor vor. Die beiden Referenzen hat er als Schlagwörter festgelegt, mit denen die Kampagne für sein neues Buch gefunden werden kann. Hätte ein Medienprofi wie er sein Vorhaben nicht auf konventionellem Weg verwirklichen können? Verdrängt er so unbekannte Autoren und Künstler, die wirklich auf die Unterstützung der Nutzer angewiesen sind?

Facebook-Diskussion bei Startnext: “Crowdfunding ist ein Auswahlprozess”

Let’s Share hat die Startnext-Macher auf ihre prominenten Nutzer angesprochen. Das Start-up fragte daraufhin die Fans seiner Facebook-Seite nach deren Meinung. „Die Plattform sollte den Projekten vorbehalten werden, die sonst keine Möglichkeit haben, Gelder zu bekommen“, kommentiert einer. Eine Nutzerin fragt sich, ob es bei Promi-Kampagnen noch um das Produkt gehe oder lediglich um die Person. Eine andere Userin stören große Namen nicht, weil sie ein besonderes Verständnis von Crowdfunding hat. „Es wird manchmal als letzte Chance dargestellt, überhaupt ein Projekt zu realisieren“, schreibt sie. „Aber eigentlich ist genau das Gegenteil der Fall: Crowdfunding ist ein knallharter Auswahlprozess. Gefällt den Leuten überhaupt, was ich vorhabe? Und sind sie bereit, dafür einen Preis zu bezahlen?“

Startnext-Geschäftsführerin Anna Theil erklärt auf Anfrage von Let’s Share, dass Projekte wie Störsender.tv mit Dieter Hildebrandt oder das Buch-Projekt von Suhrkamp-Autor Dirk von Gehlen wichtig seien. Durch sie werde Schwarmfinanzierung im deutschsprachigen Raum noch bekannter. „Beide Projektinitiatoren haben sich ganz bewusst für Crowdfunding entschieden, um ihre Unabhängigkeit zu wahren und weil es ihr Ziel war, mit der Crowd gemeinsam eine Idee zu realisieren.“

Auch die Macher von Kickstarter verteidigen prominente Geldsammler. Die Plattform sei eine Hilfe für jeden, der sein kreatives Projekt finanzieren wolle. Egal, ob das Projekt groß oder klein, independent oder etabliert, ernst oder lustig sei. Unerwähnt ließen sie die Tatsache, dass die Prominenten umsonst für die Seite werben. Perry Chen ist eben nicht mehr jener Student, der in einer Küche in New Orleans laut träumte – sondern Chef eines Multimillionen-Dollar-Unternehmens.

     

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